Der letzte, schwere Weg


Fünf Tage nach Pepes Geburt und seinem Tod waren wir wieder zu Hause und mussten unsere Gedanken nun schweren Herzens auf Pepes Beisetzung richten.

Marcels Eltern hatten bereits gute Vorarbeit geleistet, als wir noch im Krankenhaus waren. Sie hatten für uns alle Informationen eingeholt, in Erfahrung gebracht, was möglich und was erforderlich war. Wir konnten so schon in Leipzig das für uns geeignetste Bestattungsinstitut wählen.

Es übernahm, sobald Pepe nach der Obduktion freigegeben war, die Überführung von Pepe nach Hoyerswerda. Das Bestattungsinstitut nahm uns auch alle Behördengänge ab, worüber wir sehr erleichtert waren.

Jetzt war es an uns, selbst zum Bestattungsinstitut zu gehen, um alle Einzelheiten für die Beisetzung zu klären. Schon auf dem Weg dahin liefen mir die Tränen, und dort angekommen, wurde es immer schlimmer.

Im Bestattungsinstitut trafen wir auf eine nette, verständnisvolle Mitarbeiterin, die uns alles mit ruhiger, sanfter Stimme erklärte und zeigte. Sie sagte uns, dass es auf unserem Waldfriedhof eine Schmetterlingswiese für die Sternenkinder gibt. Uns war sofort klar, dass Pepe dort seinen Platz haben sollte. Ihn auf der Schmetterlingswiese beizusetzen, war für uns ein tröstender, schöner Gedanke. Dort würde unser Pepe unter Kindern sein, ein Engelchen unter anderen Engelchen.

Weder Marcel noch ich sind gläubig (im religiösen Sinn), doch die Vorstellung, dass unser Pepe nun ein Engelchen ist und im Himmel einen Stern hat, von dem er zu uns herabsehen kann, ist schön.


Unser Wunsch war eine "stille" Beisetzung, das heißt, ohne eine Trauerfeier. Wir suchten das passende "Bettchen" für unseren Pepe aus und wählten eine kleine, weiße Kinderurne mit einem goldenen Teddy darauf. Die Musik, die gespielt werden sollte, hatten wir schon zu Hause ausgesucht. Wie immer in den vergangenen Wochen und Monaten war ich so froh, dass Marcel an meiner Seite war. Er hielt mich die ganze Zeit fest.

Die Mitarbeiterin des Bestattungsinstitutes zeigte uns noch einige Prospekte für Zubehör. Ich habe mehr achtlos darin geblättert und eher zufällig sah ich dann einen Kettenanhänger in Herzform aus Gold, den man mit Asche befüllen lassen konnte. Für mich war gleich klar - den will, den muss ich haben und wir bestellten ihn ...

Nun war es soweit, der 29. September 2008 war da, der Tag an dem unser Engelchen Pepe beigesetzt werden sollte. In der Nacht davor hatte ich kaum geschlafen und war schon früh aufgestanden.

Ich hatte Angst vor diesem Tag. Angst, ich würde ihn nicht durchstehen.

Bevor Marcel und ich zum Friedhof fuhren, holten wir unser bestelltes Blumengesteck für Pepe ab. Die Floristin hatte uns eine Wolke aus weißen Blüten gezaubert, mit Sternen und einem Engel. Wir wussten ja vorher nicht, wie es aussehen würde und sahen nun, es war perfekt für unser Engelchen.

Marcel und ich waren die Ersten am Friedhof. Während wir warteten, hielt Marcel mich die ganze Zeit in seinen Armen. Kurze Zeit später kamen auch unsere Familien und meine Freundin. Ich weinte schon die ganze Zeit hemmungslos. In meinem Kopf lief wieder und wieder der "Film" ab, der mir in einer Endlosschleife zeigte, was passiert war. Es tat so weh und dieser Schmerz riss mir fast den Boden unter den Füßen weg.

Unser Bestatter, Herr Tannenhauer, kam mit der Urne unseres Engelchens. Er stellte sie auf ein kleines, dafür vorgesehenes Tischchen und davor ein Foto von Pepe. Dieser Anblick schmerzte sehr und zeigte mir die traurige Realität. Ich stand kurz vor einem Zusammenbruch und nahm kaum noch etwas um mich herum wahr. Aber ich weiß, dass ich meine Hand auf die Urne legte und mir war in diesem Moment, als könnte ich Pepe noch ein letztes mal streicheln.

Herr Tannenhauer nahm Pepes Urne und trug sie beinahe hoheitsvoll zu seiner Grabstelle. Wir alle folgten ihm. Der Weg kam mir unendlich lang vor und doch wünschte ich mir, dass dieser Weg nicht so bald enden möge. So war ich meinem geliebten Pepe doch noch nahe, war er noch da.

Wir hatten die letzte Ruhestätte unseres Engelchens Pepe erreicht. Seine Urne stand wieder auf einem Tischchen, davor sein Foto. Marcel hielt mich noch immer fest in seinen Armen. Wir brauchten es beide, die Nähe des anderen zu spüren und waren in Tränen aufgelöst.

Herr Tannhauer fand einfühlsame Worte. Obwohl ich mich selbst nicht bewusst an seine Worte erinnern kann, weiß ich doch, es waren schöne Worte. Zwischen der von uns ausgewählten Musik ("An Angel" von Declan, "La-le-lu" - instrumental und "Schlaf, Kindlein, schlaf" - instrumental) sprach Herr Tannenhauer wundervolle Gedichte von Engeln und Sternen. Ich glaube, es hätte Pepe gefallen.

Der Moment des endgültigen Loslassens war da. Die Urne unseres Engelchens wurde ins Grab gelassen. Nach den letzten Momenten des Abschiednehmens gab ich Pepe noch ein Kuscheltuch, damit er gut schlafen kann. Auch einen Brief, den ich an meinen Pepe geschrieben hatte, übergab ich seinem Grab.

Nachdem alle Pepe Lebewohl gesagt hatten, wollten Marcel und ich nur noch eines, einfach allein sein, ganz für uns.

Trauer kann man nicht sehen,
nicht hören, kann sie nur fühlen.
Sie ist ein Nebel, ohne Umrisse.
Man möchte diesen Nebel packen und fortschieben,
aber die Hand fasst ins Leere.


Die Beisetzung war am Vormittag, am Nachmittag besuchten wir unser Engelchen Pepe noch zweimal auf dem Friedhof. Unser Bedürfnis, bei ihm zu sein, war und ist riesengroß. Das alles tat so weh und doch ist es "gut", zu wissen, dass Pepe von nun an einen Platz hat, zu dem wir gehen können.







Schlaf, Kindlein, schlaf

Schlaf, Kindlein, schlaf!
Dein Vater hütet die Schaf.
Deine Mutter schüttelt das Bäumelein,
da fällt herab ein Träumelein.
Schlaf, Kindlein, schlaf!

Schlaf, Kindlein, schlaf!
Am Himmel ziehen die Schaf.
Die Sterne sind die Lämmerlein,
der Mond, der ist das Schäferlein.
Schlaf, Kindlein, schlaf!

Schlaf, Kindlein, schlaf,
so schenk ich dir ein Schaf.
Mit einer goldnen Schelle fein,
das soll dein Spielgeselle sein.
Schlaf, Kindlein, schlaf.

aus "Des Knaben Wunderhorn".





Obwohl unsere Kräfte an diesem Tag schon restlos aufgebraucht waren, fuhren wir auch noch zum Bestattungsinstitut, um uns zu bedanken. Wie gut, dass wir diese Kraft aufgebracht hatten, denn mein Kettenanhänger, das Herz mit Pepes Asche, war fertig. Nun wird stets ein Teil von Pepe bei mir sein, in meinem und Marcels Herzen hat Pepe sowieso einen unauslöschbaren Platz.



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