Krankenhaus und Geburt


Der 1. September. Marcel und ich sind in die Uniklinik Leipzig "eingezogen". Wir hatten ein gemeinsames Zimmer auf der Wochenstation. Auf dieser Station waren wir umgeben von glücklichen Eltern mit ihren Babys. Das war eine zusätzliche, emotionale Belastung für uns.

In den folgenden Tagen im Krankenhaus gab es viele weitere Untersuchungen, weitere Gespräche mit Prof. Dr. Stepan, den Kinderärzten und Nierenspezialisten. Es wurden uns alle Möglichkeiten, die uns jetzt noch blieben, dargelegt. Die Optionen waren, entweder zu versuchen unser Kind mittels intensivmedizinischer Maßnahmen für Stunden oder Tage(!) am "Leben" zu erhalten oder aber Pepe friedlich und ohne Qualen gehen zu lassen.
Es wäre untertrieben, zu sagen, dass wir eine schwere Entscheidung zu treffen hatten - für uns war es vielmehr die Hölle. Diese Entscheidung konnte und wollte uns auch niemand abnehmen; kein Arzt, keine Familienmitglied, keine Freunde. Nein, wir alleine mussten hier entscheiden.
Es fiel uns unsagbar schwer, zumal es Pepe in meinem Bauch gut ging und er sich, im Vergleich zu den letzten Wochen, oft durch Klopfzeichen bemerkbar machte. Wir konnten kaum einen klaren Gedanken fassen und sollten doch die Entscheidung treffen, wie es nun weitergehen soll.


Und als ob es uns nicht schon schlecht genug ging, wurden wir auch noch bestohlen. Bei einem Spaziergang durch den Park mit unserer Familie zur Besuchszeit wurde aus unserem Zimmer Handy und Portemonnaie mit allen Papieren und allem Geld gestohlen.

Nach zwei schlaflosen Nächten und vielen, vielen Tränen hatten wir uns zu einer Entscheidung durchgerungen. Pepe sollte ein kurzes, aber friedliches Leben haben. Hätten wir uns anders entschieden, für ein qualvolles "Leben", wäre uns, Marcel, Pepe und mir, nicht einmal dieses kurze, gemeinsame Familienglück geblieben. Das hätte Pepes Krankheit nicht zugelassen.

Im Nachhinein wissen wir, unsere Entscheidung war richtig.


Entbindung

Nach unserer Entscheidung ging dann alles sehr schnell. Die Geburt per Kaiserschnitt sollte am nächsten Morgen erfolgen.

5. September 2008. Nun war er da, der erst so lang herbeigesehnte und nun gefürchtete Tag von Pepes Geburt.

Halb sieben am Morgen kam die Schwester in unser Zimmer, um uns zu "wecken". Bei mir war das nicht nötig, ich hatte die ganze Nacht nicht geschlafen, nur geweint. Ich hatte Angst - Angst, vielleicht doch die falsche Entscheidung getroffen zu haben, einfach Angst vor diesem Tag.

Ich wurde für die OP vorbereitet und nach acht Uhr zum Kreissaal gebracht. Marcel war immer an meiner Seite. Im Kreissaal wurde ich für die anstehende Kaiserschnittentbindung bereit gemacht.

Dann noch ein letztes CTG. Dieses CTG habe ich ganz intensiv für mich mitgenommen, es war doch Pepes Herz, das ich dort schlagen hörte. Pepes Herz, das wenig später aufhören sollte zu schlagen.

Ich rutschte auf den OP-Tisch und während mir die PDA gelegt wurde, hat auch Marcel seine "OP-Kleidung" verpasst bekommen, denn er wollte bei mir sein, mich nicht allein lassen. Leider spielte Marcels Kreislauf verrückt und so musste er kurzzeitig den OP-Saal verlassen.

Die nette Anästhesistin streichelte mir die ganze Zeit mein Gesicht und fragte mich, wie unser kleiner Mann denn heißen solle (bisher hatten wir nämlich über den Namen geschwiegen). Ich sagte: "Pepe".

Und dann war er da, MEIN SOHN. Trotz dieser Situation war es der schönste Moment in meinen Leben. Am 5. September um 10.08 Uhr erblickte Pepe das Licht der Welt. Die Hebamme hielt ihn mir für ein paar Sekunden an mein Gesicht. Ich spürte Pepe, er war so klein und fühlte sich ganz warm an, ein so wundervolles Gefühl. Danach wurde er sofort an den Kinderarzt übergeben und mich versetzte man für etwa 20 Minuten in Narkose.

Währenddessen wurde Marcel zu Pepes Untersuchung durch den Kinderarzt geholt. Der Kinderarzt verabreichte ihm Medikamente, damit er in seinem kurzen Leben keine Schmerzen erdulden musste und friedlich schlafen konnte.

Als ich wieder aufwachte, wurde ich gerade aus dem OP geschoben, Marcel neben mir und Pepe lag in ein Tuch gewickelt auf meiner Brust.



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Abschied - schönste und schrecklichste Momente in unserem Leben

Wir wurden in ein Zimmer gebracht, in dem wir für uns allein sein konnten. Die Schwestern hatten ein kleines Körbchen für Pepe vorbereitet, Kerzen aufgestellt und es uns so schön wie unter diesen Umständen nur möglich gemacht (obwohl ich dies alles in diesen Momenten nicht wirklich wahrgenommen habe).

Ich schaute nur auf meinen Pepe, ich hielt ihn ganz fest in meinen Armen und war voller Stolz. Er war so klein und total hübsch. Er sah aus wie Marcel, total der Papa. Obwohl Pepe reichlich fünf Wochen zu früh geboren wurde, war er ein perfekter kleiner Mensch.

So furchtbar auch alles war, aber irgendwie waren wir in diesen Momenten glücklich. Glücklich, dass uns diese Zeit mit Pepe vergönnt war. Auf meinen Wunsch hin kam eine Stunde nach Pepes Geburt eine Fotografin und machte wunderschöne Fotos von Pepe und unserem kurzen Familienleben.

Pepe wurde in unserer Gegenwart hübsch angezogen und man gab uns alle Zeit der Welt. Wir waren jetzt Mama & Papa und hielten abwechselnd unseren kleinen Schatz in den Armen. Wir streichelten ihn, küssten ihn und genossen jeden Augenblick ganz intensiv mit ihm. Ich habe noch immer keine Worte gefunden, die tatsächlich die Gefühle zu beschreiben vermögen, die uns bewegt haben. Es waren unbeschreibliche und unvergessliche Momente gewesen und mit nichts auf dieser Welt vergleichbar.

Den Gedanken, dass wir Pepe nicht für ewig bei uns haben durften, verdrängten wir, doch der Abschied kam näher und näher...

Als unser Engelchen gegen 12 Uhr, knapp zwei Stunden nach seiner Geburt, seine Reise zu den Sternen antrat, lag er in meinen Armen. Er sah weiterhin so friedlich, aus als würde er nur schlafen. Irgendwie hatte Pepe ein sanftes Lächeln im Gesicht, als wollte er uns sagen: Mama und Papa, seid nicht traurig, mir wird es gut gehen dort, wo ich jetzt hingehe.

Marcel und ich lagen uns die ganze Zeit in den Armen und in der Mitte lag unser Pepe. Wir weinten bitterlich.

Meine beste Freundin Steffi kam an diesen Tage auch nach Leipzig. Sie wollte einfach nur für uns da sein. Man ließ sie zu uns und so konnte auch sie Abschied von Pepe nehmen.

Gegen 14 Uhr kam der allerschlimmste Moment in meinem bisherigen Leben, der endgültige Abschied von Pepe. Wir würden unseren kleinen Engel nie wieder in unsere Arme schließen können, ihn nie wieder berühren können, ihn nie lachen hören, ihn nicht aufwachsen sehen können.

Zurück in unserem Krankenzimmer wurden wir von unseren Familien schon erwartet. Sie waren gekommen, um uns beizustehen. Ihnen war es leider nicht vergönnt gewesen, unseren Pepe kennen zu lernen. Ich selbst wie auch Marcel waren an diesem Tage für nichts mehr aufnahmefähig, alles rauschte an uns vorbei.



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Anmerkung:
Im Nachhinein bin ich sehr traurig darüber, dass wir Pepe nicht länger bei uns behalten haben, dass wir ihn mit seinem Körbchen nicht mit auf unser Zimmer bekommen haben. Dass es diese Möglichkeit gegeben hätte, wussten wir nicht und niemand hat uns darauf hingewiesen. Wir hätten unseren Eltern auch gern ihr Enkelkind vorgestellt und ihnen die Chance gegeben, Abschied zu nehmen. Sie waren nach Leipzig gekommen, um uns beizustehen. Ich weiß, dass auch sie ihn gern kennengelernt hätten. Marcel und ich waren verständlicherweise an diesem Tage nicht in der Lage, noch einen klaren Gedanken zu fassen und unsere Familien waren zu verständnisvoll, um irgendeine Forderung an uns zu stellen. Es soll kein Vorwurf an das Personal sein, aber vielleicht hätte man uns über die möglichen Optionen informieren sollen.